Mallorca 312 | 2015

One two three from New York to Germany? 

Nein, three one two from Mallorca to Laktat - wie mich die Insel an meine Grenzen brachte, ohne Sangria.


Es war der 11.10.2014. Ich saß mit meinem besten Kumpel Nando bei ihm am Küchentisch und wir machten Nägel mit Köpfe. Einige Monate hatte ich meinen Wahnsinn in mir herumgetragen, befeuert von einer Radsport Zeitung Namens „Cyclist“. Kurzer Ausflug hierzu: Diese Zeitung hatte in 2014 probiert, auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen, scheiterte aber leider - sehr zu meinem Bedauern. Die Gründe wurden mir als Abonnent nie mitgeteilt, es kam einfach keine Zeitung mehr, und es wurde auch kein Geld mehr abgebucht. Mein erstes Ghosting Erlebnis ;-)


Nun, wie auch immer... die 15 schönsten Radrennen Europas... titelte er damals. Und ich war natürlich Feuer und Flamme, immerhin war auch mein erster Härtetest, Rad am Ring, drin. Der Cyclist schrieb über den Velothon in Berlin, die L‘Eroica in Italien und... über die Mallorca 312. Den Artikel laß ich erstmalig während eines Freibadbesuches im August. Um euch die 12 Seiten einmal komprimiert darzustellen, sodann ich es wieder in epischer Breite aus meiner Sicht im Anschluss ausrolle :D ging es um eine Umrundung der Insel, startend im Norden. Playa de Muro, das Lycra Mekka. Das Ibiza des Radsports. Zur Unzeit einer Radsportvorbereitung, im April. Auf jeden Fall saßen ein paar Jahre zuvor einige Radsportenthusiasten und ein cleverer Hotelmanager zusammen und fragten sich, warum diese Insel noch kein Radsportevent besitzt. Und damit war die Mallorca 312 geboren. Nein, die Zahl 312 ist nicht aufgrund von zu viel Sangria oder San Miguel entstanden, auch nicht willkürlich, wie bspw. die Motorenbezeichnung 63 bei AMG. Es geht um 312 Kilometer, 312.000 Meter. Wer das mal probieren möchte oder ein Gefühl dafür benötigt, fährt im naheliegenden Stadion 780 Runden im Kreis auf der 400m-Tartanbahn. Oder von Düsseldorf nach Heidelberg via Autobahn. Vergesst allerdings die Höhenmeter nicht, 4.500 an der Zahl. Einen Vergleich noch, dann lasse ich euch in Ruhe. Das ist in etwa so, als ob ihr mit dem Rad auf das Matterhorn hinauf fahren möchtet, aber ohne Schnee, immerhin. Wer nun denkt, alle Radfahrer und auch der Schreiberling haben einen Knall, okaaaay, ein bisschen vielleicht.


Wir kommen vom Thema ab. Ein paar Tage vor dem Küchentischmeeting fragte ich also, ob mich mein bester Kumpel wieder zu einem Radrennen begleiten will. Auf das „na klar“ folgte ein misstrauisches „Wohin?“, offensichtlich hat mein Grinsen in der Frage für Zweifel gesorgt. Trotz der zugegeben ziemlich originellen Idee, für ein Rennen nach Mallorca zu fliegen, mein Zweites überhaupt, war er dabei. Die Planung lief an wie ein sauber gestafftes Projekt. Wir brauchten Flüge, eine Unterkunft, ein Mietrennrad, einen Mietwagen und natürlich einen Startplatz. Die Verlosung für das Rennen startete jedoch erst am 01.11., und meiner erfolgreichen Registrierung siegessicher, buchten wir noch am gleichen Abend unser Domizil in Porto Cristo (schön, aber nicht optimal gelegen) und den Flug mit Ryanair. Mein bester Kumpel sollte also auch mal die Gelegenheit bekommen, Teilnehmer der am besten organisierten Verkaufsveranstaltung über den europäischen Wolken zu werden - Scratch Cards wir kommen... :D


Mein to do für den Winter 14/15 war somit klar. So viele Kilometer wie möglich auf allem abreissen, das Pedale hat. Egal ob nun Spinning, Mountain oder Road Bike. Ehrlicherweise folgte ich keinem gezielten Trainingsplan und mache das bis heute auch nicht. Ich glaube sowieso, dass solche Amateurennen mehr im Kopf als mit den Beinen überstanden werden. Und mal im Ernst. Es sind einfach Unmengen Kilometer in Distanz und Höhe, dass lässt sich doch garnicht richtig trainieren... Meine Wohnlage erfordert zusätzlich eine gewisse Stressresistenz im Umgang mit Höhenmetern. Alleine schon die Idee, aufs Rad zu gehen bedeutet, mindestens 300hm zurückzulegen, um wieder nach Hause zu kommen, und zwar nicht mit harmonisch-linearen 5% Steigung. Der Odenwald und die Bergstraße für sich genommen sind zusätzlich eine tolle Trainingsfläche für Ausdauerfahrten, schöne Landschaften oder knüppelharte Anstiege mit bis zu 22%. Also trainierte ich kurze Strecken mit hoher Steiglast, längere Distanzen bis 150km und ein bisschen herumtrödeln. Ein Pulsmesser zählte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu meinem Equipment, lediglich ein Garmin Edge 810 (dieses von Satan höchstpersönlich in Software-, Hardware- und Performanceaspekten kreierte Gerät ist mittlerweile zum Glück verkauft und Garmin aus meinem Leben verbannt), um die gefahrenen Strecken zu protokollieren. Ende April hatte ich also ca. 1.500km und unzählige Stunden Spinning in den Beinen, kein Fabelwert, aber hey, mein Arbeitgeber bezahlt mich auch nicht dafür ;-) 


Übrigens, weshalb ich mein Rennrad nicht mitnehme hat eher pragmatische Gründe. Ich trainiere im Winter mit einem Canyon und im Sommer mit einem Storck. Und auf Mallorca finden sich gut gewartete Räder von Canyon für die Kosten, die ich sonst alleine für Hin- und Rücktransport aufwenden muss, abgesehen davon kenne ich die Geometrie. Also Sattelstütze (Achtung, ich fahre eine 500mm lange) und SQLab Sattel (definitiv nie wieder Taube Nudel :D) in den Koffer und los geht‘s.


Guten Morgen Baden-Baden Airpark. Dieses Prachtstück eines Provinzflughafens, flächenmäßig jedem Amazon Logistikzentrum hoffnungslos unterlegen, präsentierte sich da vor uns... und sah irgendwie geschlossen aus. Aber das dunkelblaue Höhenruder blitzte über dem Dach des Terminals hervor. Also rein da. Als Ryanair Profi kennt man die natürlichen Margenoptimierer (aus Sicht der Airline) bzw. Kostenfallen (aus Sicht des Kunden). Unsere Tickets, schön im handlichen DinA4 Format ausgedruckt, mit 1/3 Fluginformationen und 2/3 Werbung versehen, gezückt und die Koffer peniebelst abgewogen (diesen peinlichen ich stopfe alles vom Koffer ins Handepäck Moment wollte ich uns sparen, es gibt wirklich schöneres als von einer Airline gedemütigt den Urlaub zu beginnen) standen wir nun bei der Misses am Check-In und passierten unfallfrei auch die Sicherheitskontrolle. 


Wer ist denn schon einmal über das letzte Aprilwochenende, dass in den Mai mündet, nach Mallorca geflogen? Jeder, der sich die Frage mit „Ja!“ beantwortet weiß genau, was nun kommt. Im Abflugbereich tummeln sich Jungesellenabschiede, sogenannte Mädels-Wochenenden und der Höhepunkt, eine komplette Fußballmannschaft. Die Blicke kämpferisch, die Handlungen entschlossen, das Weizenbier (nicht alkoholfrei, aber isotonisch und so) im Anschlag. Hier sollte angemerkt sein, es war morgens halb acht. Diese Jungs verfolgten also ebenfalls sehr stringent ihre Ziele, wenn auch andere im Vergleich zu mir. Somit teilt sich die Mallorca 312 das Wochenende mit dem Bierkönig Opening, Freud und Leid lagen eben schon immer nah aneinander ;-)


Das Boarding ging im Rahmen eines Ryanair Fluges gesittet zu und damit startete auch schon DIE Verkaufsshow: Getränke-Speisen-Boardshop-Getränke-Boardshop-Scratchcards-Getränke. Der Flug ist nun wirklich nicht lange, und die Jungs und Mädels der Airline fegen sieben Mal durch den Flieger, Respekt. Wenn Ryanair könnte, würden auch noch Rheumadecken und Topfsets verscherbelt werden, ist aber doof wegen dem Gewicht und der Handlichkeit ;-) Unsere Fußball Jungs hatten in der Zwischenzeit hart gekämpft, den Biervorrat an Board routiniert vernichtet und setzten zum finalen Akt an, die Bluetoothverbindung zwischen Smartphone und Speaker herstellen. „Scheiß‘ drauf, Malle ist nur einmal im Jahr...“ krakeelte es aus der Box, ich hätte es nicht besser sagen können...


Angekommen an PMI ging alles recht schnell, einmal abgesehen von der Marathon Halbdistanz am „Flughafen der langen Wege“ zwischen Gate und Kofferband. Mietwagen (und somit Teambus, Versorgungs- & Teamleitungsfahrzeug sowie Sightseeing-Gefährt in einem - ein Fiat Panda mit Annehmlichkeiten wie vier Rädern, einem Lenkrad, einem Radio und elektronischen Fensterhebern, vorne!) Check, Grundversorgungseinkauf Check, Apartment Check, Mietrennrad Check. Es war also alles angerichtet für das Rennen. Ganz profimäßig gab es am Abend zuvor Burger von dieser unglaubliche seltenen Burger Kette aus den Staaten mit der offenen Flamme :D


Porto Cristo, im Osten der Insel gelegen, hat ein wenig den Charme eines Hafenstädtchens, logischerweise durch den kleinen Hafen, vielen kleinen Restaurants, engen Gassen und der sehr hügeligen, verwinkelten Bauweise. In der Nebensaison schläft dort der Tourismus und man hat es, wie ich finde, urgemütlich. Die Distanz zum Rennstartpunkt hatte ich jedoch völlig unterschätzt, weshalb recht frühes aufstehen am Renntag notwendig war.


Kennt ihr den Moment, in dem ihr ziemlich genau eine Sekunde vor dem klingeln des Weckers wach seid? Ich schaute auf den Wecker, 4:44 Uhr, Sprung, 4:45 Uhr und es setzte stille hektische Betriebsamkeit im Apartment ein. Kleidung, Rad, Versorgung, Musik, Sonnenbrille, Weste, Bargeld, Streckenkarte. Wir hatten beide einige Dinge zu erledigen und wir waren schnell startbereit, danach frühstücken... und los...!


Rad am Ring war etwas besonderes, doch morgens um 6.30 Uhr mit (damals noch) 3.000 anderen Radverrückten im Startbereich zu warten, auf einer Urlaubsinsel, dass hatte schon ganz besondere Züge. Pünktlich um sieben Uhr startete das Rennen. Ich sortiere mich grds. immer weiter hinten im Feld ein, mir ist es zu hektisch und zu ernst bei den Herren und Damen weiter vorne. Es geht mir ums finishen, nicht um die letzten Sekunden. Denn die spielen bei meinen Wettkampfdaten, 210cm Körpergröße, 115kg Körpergewicht + Ausrüstung + Rad sowieso keine Rolle. Um 7:14 Uhr passiere ich dann auch endlich die Startlinie und bin ab nun in meinem persönlichen Kampf gegen die Insel - und vor allem gegen mich selbst selbst. Dazu später mehr.


Wir rollen durch die Städte im Norden der Insel, und es geht wie erwartet recht gesittet zu. Natürlich, ein geregelter Start über die ersten 25km, bis wir an den Fuß der 

Sierra Tramuntana gelangen, trägt dazu seinen Teil bei. Ein absolutes Highlight. Pünktlich zum Sonnenaufgang passieren wir die Bucht von Pollenca. Ein sagenhaftes und magisches Erlebnis, welches mich für einen Moment das Rennen vergessen lässt, meinen Körper in wohlige Wärme, gepaart mit wunderschönen Bildern, taucht. Ich würde euch gerne in meinen Kopf schauen lassen, um dass zu sehen, was ich darin gespeichert habe. Diese Bucht bedeutet auch, wir nähern uns den ersten Anstiegen und es wird ernst. Damit ist der Kampf eröffnet. Klettern bis hoch zum sagenhaften Puig Major steht auf dem Programm, der über Mallorca wacht als wolle er sagen: „Freunde, habt Respekt, dass ist meine Insel!“ „Okay, okay, denke ich, gegen dein Kampfgewicht sehen selbst solche Bergwalrösser wie ich alt aus...!“ Man glaubt garnicht wie schnell aus omnipräsentem Gesäusel durch die Unterhaltungen im ganzen Feld auf einmal absolute Stille wird, wenn man einen Berg dagegen stellt. Mit einer Ausnahme: Surren. Die Antriebe der Räder scheinen noch nicht sprachlos zu sein. Das Pulk kämpft sich die ersten Anstiege hoch und an dieser Stelle wundere ich mich, weshalb ich mich links aufhalte, dort fahren die Überholenden. Kurzer Ausflug: Ich feiere diese eine total verrückte Truppe Holländer, die gleich am ersten Anstieg mit Kuhglocke (Wie kommt die auf die Insel? Ist das eigentlich Sperrgepäck? Ohne Scheiß, die war richtig groß! Leuten die auch beim Flug aus dem Frachtraum heraus? Dong! Dong!) und diesen Tour-de-France-Bergetappen-Klimper-Utensilien richtig Stimmung machten, inklusive diverser Motivationssprüche auf den Asphalt geschrieben. Es läuft erstaunlich rund und an der Versorgungsstation Gorg Blau entschiede ich deshalb, weiter zu fahren, denn ich fühle mich gut, achte allerdings auch darauf, alle 45-60 Minuten einen Riegel oder Gummibärchen zu verdrücken. Wir passieren die Militärgebäude, die immer eine leicht bedrohliche Aura versprühen und dann auf einmal, Finsternis. Nein, keine Sonnenfinsternis, sondern ein Tunnel. Bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, hat man ihn allerdings schon passiert und wird mit einem unglaublichen Panorama belohnt. Dieses gibt den Startschuss zur Soller Hatz frei. Meine Güte, geht es hier abwärts. Das ist natürlich eine Endorphingarantie, aber auch unglaublich gefährlich, denn viele Radler können nicht abfahren. Ich schreibe es mal meinem guten Fahrlehrer zu (Danke Karl), der mir das Motorrad fahren beibrachte, dass es für mich einfach prima lief und ich viele Räder hinter mir ließ. Übrigens war dies auch die letzte Ausgabe der 312 ohne vollständig gesperrte Straßen, weshalb man auch den Gegenverkehr immer ein Auge schenken durfte. 


Nach dem Temporausch war ich gut gelaunt und mit fitten Beinen bereit für den zweiten Akt, klettern nach Valdemossa, wo Nando erstmalig auf mich wartete, immerhin der einzige Touchpoint in den Bergen zu ihm. Zu meinem eignen Erstaunen klappte auch dieser Teil super, die Küstenkilometer flogen mal langsamer und mal schneller an mir vorbei, und dann eben der angekündigte Stopp. Ein vertrautes Gesicht, neue Riegel, dieses widerliche Wasser mit Isotonikpulver, und weiter. Wer hat sich eigentlich diesen ganzen ekelhaften Radsportmist an Nahrung einfallen lassen. Vor allem Gels sind für mich eine Höllenbrut. Und warum schmeißen alle ihren Müll auf die Straße, anstelle ihn einfach unter das Hosenbein zu schieben???


Zurück zum Rennen: Es sollte offensichtlich mein Tag sein. Bei Kilometer 90 werden zumindest mental Helden gemacht, hier entscheidet man, ob 167km (links) oder 312km (rechts) die richtige Distanz für die heutige Verfassung sind. Nach der heldenhaften mentalen Entscheidung müssen dann allerdings die Beine liefern. Ich bog rechts ab. Am vorletzten Berg vor Andratx musste es aber natürlich auch mir mal richtig weh tun, meine Beinen krampften zwar nicht, sie fühlten sich einfach nur seltsam an. Zusätzlich drängte sich der Verdacht auf, dass Petrus mich seinen Zorn spüren lassen wollte. An diesem verfluchten Berg (ich weis nichtmal mehr, wie er hieß) wurde schlagartig Sonne gegen dichte Wolken, Windstille gegen Böen, trockene Luft gegen leichten Nieselregen getauscht... F*** Off dachte ich, und trat stoisch in die Pedale, obwohl es sich anfühlte, als ob ich zeitweise stehen blieb.


Abfahrten sind ein äußerst verlässliches Heilmittel für vorausgegangene Qualen durch Anstiege, und so kam ich mit rund 3.500hm in den Beinen über die Schneise Santa Ponca/Palmanova nach Palma Stadt. Es bildete sich eine recht große Gruppe von ca. 400 Mitstreitern. Palma Hafen, Platja de Palma, Arenal, die Kilometer flogen förmlich an uns vorbei, wir hatten uns förmlich in einen Rausch getreten, 40/45er Schnitt, nach diesem Monstrum von Gebirge (und dem netten Wind am Ende) - Wahnsinn!


Egal, ob nun Mallorquiner, seniorere Gäste oder Ballermann Besucher, wir bekamen erstaunlich viel Beifall, ja sogar Jubel. Ein tolles Gefühl, das enorm motiviert. Ich kann es nicht anders sagen, aber es macht einen wirklich stolz, diese Anerkenntnis und den Respekt zu erfahren. Doch für mich persönlich sollte dies nicht ewig halten. Es begann der für mich persönlich härteste Teil, 150km in der Ebene... 


Nach Verlassen von Arenal zog sich das Feld stark auseinander. Die Straßenführung im Südosten der Insel hat ganz starke Ähnlichkeit mit der Route 66. Man kennt die Filmaufnahmen von schnurgeraden Straßen, leicht ansteigend, bis an den Horizont, und fragt sich, wie es dahinter weiter geht. Dort angekommen, fühlt man sich wie bei Monopoly. Zurück auf Los, ohne 4.000,-€ zu kassieren. Das Drama beginnt von vorn, gerade Straße, leicht ansteigend... Ich musste irgendwann vom Feld komplett abreissen lassen, da ich total platt war, und auch etwas erschüttert von dieser nicht enden wollenden Schleife an Streckenprofil. Das nagte an den Nerven. Aus dem Nichts passierte etwas ebenso verrücktes wie geniales. Der Bayernexpress (ich habe die Jungs mal kurzerhand so getauft, da beide aus besagtem Bundesland stammen), Martin und Andi, sammelten mich auf, hängten mich in ihren Windschatten und von nun an ging es im 40er Schnitt durch den Südosten Mallorcas... Wir machten uns bekannt. Hier Andi, der Triathlet aus dem Bilderbuch. Groß, sehr schlank und gefühlt unkaputtbar und sowieso hatte ich mich gefragt, ob wir bisher das Gleiche Rennen fuhren. Dort Martin, der Typ „fährt schon immer Rad und hat daher eine unzerstörbare Grundlagenausdauer“ mit der unfassbar lieben sozialen Komponente. Und dazwischen - Benjamin das Bergwalross. Ich kam mit den Jungs ins Gespräch... „Wie groß bist du eigentlich?“, „Unfassbar, wie du das hier durchstehst. Du bist ja alles andere als ein Fahrer mit Bergstatur.“ Ehrlicherweise spielte sich in meinem Kopf eine Mischung aus stumpfen Gedanken „Treten, treten, treten...“ und „Danke für die Blumen ab...“ Natürlich, und ich möchte hier keineswegs undankbar klingen, freut man sich über so viel Anerkennung. Aber mit steigender Kilometerzahl stieg auch mein Stresslevel und die Angst, irgendwann einzubrechen. Bis ich, ihr ahnt es, bei Kilometer 205 die Jungs tatsächlich ziehen lassen musste. Das Schlimme war im Grunde genommen nicht einmal die körperliche Beanspruchung, sondern die Psyche. Als 5km vorher der Zähler von 199,9km auf 200km umsprang, war das ein Glücksmoment, der seines Gleichen suchte. Gefolgt von meiner gefühlt ersten Rad-Depression. Der Moment, in dem du realisierst, dass du 200km geschafft hast und noch 112km vor dir liegen. Ich traf Nando bei Kilometer 220 demoralisiert und den Tränen nahe, mit Oberschenkeln, die abwechselnd zuckten und krampften und einem inneren Schweinehund, der schon den Champagner offen hatte, da er sicher war, ich gebe auf.


Da standen nun gefüllte Getränkeflaschen, Energieriegel, ein hochmotivierter Betreuer und 90km Restdistanz und ein Häufchen durchgeschwitztes-miefendes-210cm-großes Elend (also ich :D). Bekommt man das nochmal zu einem funktionierenden Paket zusammen? Nando hatte durchaus seinen Kampf, ob nun Motivation oder Vorsicht der bessere Ratgeber für mich ist. Aber er hat es trotzdem geschafft, die richtigen Worte zu finden. Ich wollte also weiter und er unterstützen. Ihr glaubt nicht wie groß sein Anteil am Finishing dieses Events ist. Da waren u.a. perfektes Timing mit der Versorgung, Flexibilität mit den Stopps (sorry für die unzähligen „in 5km bitte“), mentales Aufbauen, doch auch Augenmaß für den Zeitpunkt, mich anzumahnen und an meine Gesundheit zu appellieren. Tausend Dank an dieser Stelle!!! 


Okay, also zurück auf das Rad. Des Wahnsinns letzten Akt schreiben. Mit der Frage aller Fragen (Schaffst du es?) in Gedanken in Richtung Porto Cristo. Durch die Individualversorgung konnte ich die nächste Verpflegungsstation wieder auslassen (so wie alle anderen auch) und holte in dieser Zeit zu meinem großen Erstaunen sogar meinen Bayernexpress wieder ein. Nun radelten wir wieder ein Stück gemeinsam und freuten uns darüber, sich erneut zu begegnen. Die kleinen Dinge im Leben eben :-) Das ist übrigens eine der wunderbarsten Erkenntnisse im Radsport. In meinem Leistungslevel tummeln sich eben nicht mehr die verbissenen Sportler, sondern überwiegend ambitionierte Sportler mit Herz. Ich liebe die Begegnung mit solchen Menschen.


Arta, 25km vor dem Ziel. Meine Konzentration war eindeutig am Boden und es passierte, was nicht passieren darf. Ich persönlich empfand die Beschilderung an einer Abbiegung als schlecht und natürlich war da noch das Thema mit der nachlassenden Konzentration. Ich machte kurzerhand aus der Mallorca312 die Mallorca316. Falsch gefahren, richtig. Als der Fahrbahnbelag kontinuierlich schlechter wurde schöpfte ich langsam Verdacht, dass hier etwas nicht stimmt. Und dann sah ich von einer Anhöhe aus das Drama, ein paar Kilometer entfernt waren meine Lycra-Leidensgenossen auf der Strecke, und ich somit daneben! Wer mich kennt, hätte er eine neue Facette von mir kennengelernt. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen wie oft ich "fuck" sagte und dachte. 


Da ich meine 12 Std. nicht gefährden wollte, habe ich die letzten 25km alles aus mir heraus geholt. Als ich das Ortschild von Can Picaford sah, war klar, ich kann nun bolzen, es bleibt flach. Hier konnte ich auch diesen unsäglichen Haufen italienischer Windschattenlutscher abschütteln, die immer mein Tempo ab Arta mitgingen, aber nie in den Wind wollten. Das Naturschutzgebiet flog an mir vorbei und mein einziges Ziel war, keinen mehr an mir vorbei zu lassen. Die Rennradfahrer Ehre packte mich sozusagen auf den letzten Metern... Und dann erreichte ich das Ziel, endlich...


Für die Statistiker. Es gibt nun drei Zeiten:

12:08h (Zeit des Rennstarts bis überqueren der Zielline)

11:54h (Überquerung Startlinie bis Überquerung Ziellinie, hat etwas gedauert bis 3.000 Starter ins Rollen kommen)

11:35h (reine Fahrzeit)


Liebe Leserinnen und Leser, falls ihr nun denkt: „Das muss ich auch machen!“, habe ich eine gute und eine schlechte Nachricht für euch. Starten wir mal mit der Guten. Die Insel Mallorca und das Rennen über die von mir berichtete Distanz gibt es nach wie vor. Und wo ist nun dein Problem?


Hier sind wir bei der schlechten Nachricht. Einige unserer werten Kollegen waren der Meinung, sich nicht an die Anweisungen der unzähligen freiwilligen Streckenposten und Polizisten zu halten, die bedarfsgerecht kurzerhand Kreuzungen oder Kreisverkehre vom PKW Verkehr abriegelten, Straßenabschnitte sperrten oder in Begleitmotorrädern auf uns achteten, dass niemand in den Gegenverkehr gerät. Es war einfach toll organisiert, und wir Rennradler ein Teil der Insel. In Summe hat dieses Verhalten aber dazu geführt, dass wir nun eine vollständig gesperrte Strecke von der Inselregierung zur Verfügung gestellt bekommen. Wehrmutstropfen ist jedoch, dass die Streckenführung sehr stark modifiziert werden musste. Nun ist es nur noch ein Rennen über 312km auf der Insel, der Sinn „Du musst 312km schaffen, um die Insel zu umrunden!“, entfällt damit aber leider.


Zurück in Deutschland holte mich eine Woche später eine ältere Person vom Rad, indem sie mir mit dem PKW die Vorfahrt nahm. Ich war machtlos. Daher sind alle Passagen zusammengetragen aus Erinnerungen und damaligen Posts auf Facebook. Seht es mir nach, dass ich nicht zu jeder Steigung detailliert etwas schreiben konnte, aber es fehlen leider viele Eindrücke.


Nach einem verunglückten Versuch in 2016 wage ich mich in 2018 erneut an die 312er Distanz, natürlich mit dem Ziel in unter 12h zu finishen, mal sehen wie es wird.


Hat euch der Bericht gefallen, dann lasst mir doch einen Kommentar, Feedback, like oder oder oder... Gerne dürfen die Posts auch geteilt werden. Übrigens, ich gehe bewusst nicht auf genutzte Markenartikel ein, außer der Zusammenhang verlangt es. Wenn es hierzu Fragen gibt, beantworte ich diese gerne.


Euer Ben

benHOErides.com