Ich kaufe mein erstes Rennrad - das wird ein Spaß, dachte ich zumindest...

Die letzte Woche des Februars in 2014 schwang sich auf, dem März „Hallo“ zu sagen. Mein guter Freund Jan, ein waschechtes Nordlicht von Sylt, der selbst Hamburg als den Süden der Republik betrachtet, schlug vor, ihn zu besuchen wäre doch was. Oh ja, und wie es das war. Meine bisweilen nervige und zehrende Projektarbeit für den CCM Abschluss, die den Januar und Februar souverän zur Sklavenzeit ummodelte, endete gerade, also war wieder Zeit für Freizeit. Ab ins Auto und hoch in den Norden (also die hessische Version davon)!

 

Jan kannte meine Pläne, unbedingt ein Rennrad mein Eigen nennen zu wollen. Nur wusste er auch, dass ich in etwa so viel Ahnung von Rennrädern habe wie sich ein sechs Monate alter Schäferhund fragt, weshalb er da eigentlich so rießen Pfoten an seinen Beinen hat. Nämlich gar keine.

 

Eigentlich ist das doch alles einfach, gaaaaaanz einfach! Jeder, der sich überlegt ein Rennrad zu kaufen, muss eigentlich nur wissen, ob er Shimano, SRAM oder Campa lieber mag, Kompakt- oder Heldenkurbel fahren will (oder besser gesagt kann), welche Rahmengröße aufgrund der Schritthöhe etc. notwendig ist, ob Slooping oder nicht, gestreckte oder eher entspannte Sitzposition, passendes Ritzelpaket - na, schon müde? - Pedale von Look, Time, Speedplay oder Shimano, Rahmenmaterial aus Carbon oder Aluminium, Bikecomputer von Garmin, Sigma, Polar etc. und einen Laufradsatz von Mavic, Fulcrum, Lighweight, sprich Systemlaufrad oder doch lieber ein von Hand eingespeichtes? Ihr merkt schon, das ist in etwa so entspannt wie einkaufen am 23. Dezember ohne Einkaufszettel. Zum einen muss man tausend Sachen beachten und zweitens sich in einem Chaos zurechtfinden, dass es so nicht alle Tage gibt.

 

Jan hatte eine echt tolle Idee, mich an das Thema heranzuführen. Wir machten eine Bike Shopping Hopping Tour durch Hamburg. Denn gegenüber stand ihm ja der Junge Schäferhund, dem alle eben aufgezählten Fragen echt unwichtig waren. Für mich  zählte nur das Design des Rahmens, und eigentlich wollte ich doch sowieso ein Orbea Orca kaufen, denn es sah einfach nur so unglaublich cool aus - RH60 ist die Buchstaben/Zahlen Kombination, die meine Träume mit einem Mal vernichten sollten, Spanier sind halt klein.

 

Wir besuchten VonHacht, MSP, Bianchi und zwei Bike Buden in Wurfweite zur Schanze. Und ich stellte schnell fest, im Rennradsport ist es wie in der Schuhindustrie. Große Menschen sind hier eher lästiges Übel, die mit einem Modell zwangsversorgt, bevor es einen bauerngleichen Aufstand mit brennendem Stroh und Mistgabeln vor den Firmenzentralen gibt.

 

Nach einem amüsanten Tag auf einem Stevens, Simplon und Cannondale, wusste ich genau, was ich nicht wollte. Und das ich die Radläden jetzt schon hasse. Warum konnten nur meine Ghost Buddies von KM Bikesport keine Rennradmarke führen und mir einfach eins verkaufen, fragte ich mich selbstbemitleidend.

 

Als äußerst problematisch stellte sich folgende Widersprüchlichkeit heraus. Fix und fertig gebaute Bikes wie das CAAD10 von Cannondale oder das Aspin von Stevens gibt es in großen Rahmengrößen, die Komponenten sind allesamt hochwertig, ABER, über hohe Systemgewichtfreigaben Stolpern die Hersteller, genauso über passende Sattelstützen. Warum verbaut man bei einem 64er Rahmen eine 350mm Sattelstüze? Weshalb wird der billigste Schrott aus Frankreich, die Aksiums, an diese Räder geklatscht?

 

Heute, mit etwas Erfahrung, kann ich ganz klar sagen, dass das Konzept fertiger Bikes für große/schwere Fahrer aus Sicht eines Sadisten zu Ende gedacht wurde. Denn wir bekommen suggeriert, fertige Bikes zu kaufen, um dann doch im Kleingedruckten den Hinweis auf fehlende Gewährleistung bei überschreiten dieser und jener Grenzen in Kauf zu nehmen. Vorbau, Lenker, Sattelstütze (vor allem wenn nicht tief genug in den Rahmen eingesteckt) und Laufräder sind die Achillesferse jedes Rades. Die Bergflöhe suchen hier nach leichter, aerodynamischer, cooler. Wir suchen nach Sicherheit und Stabilität. 

 

Diesem Umstand geschuldet war es, dass ich großartige Umbauten vorgeschlagen bekam. Laufräder, Vorbau usw. weg, wir schrieben Ihnen auch 200,-€ für die Teile gut, schlagen aber gleichzeitig 1.200,-€ für die neuen Teile drauf. Wow, was für ein unschlagbares Angebot, dachte ich. Dann bekomme ich so ein Standard CAAD10 mit 10-Fach Ultegra (wir schrieben das Jahr 2014) und Großumbau für 3.500,-€.

 

Damit war das Thema durch. Jan und ich betranken uns zur Feier des Tages über abgezockte Radhändler am Abend auf der Schanze, ohne ein Rennrad.

 

Zurück in Hessen sollte das Projekt aber nicht daran sterben, das ich in den Augen der Radindustrie der Planet Mars war - bekannt, aber uninteressant, da zu weit entfernt ;-)

 

Vorletzter Versuch, 2-Rad Stadler Mannheim (oder besser gesagt Monnem, wie mir die Frau am Telefon sagte). Ich hätte es schon vorher wissen sollen. Mir wurde versprochen, man rufe mich zurück, mit einem Vorschlag für ein passendes Rad, nachdem ich den Kauf eines Pinarello Dogma Rahmen für knapp 4.000,-€ im super duper Angebot ablehnte. Hätte ich darauf gewartet, wäre ich vor dem Telefon verhungert, verdurstet oder einfach nich nie Rennrad gefahren, denn auch knapp vier Jahre später hat es bis heute nicht geklingelt.

 

Durch einen unglaublichen Zufall, ich laß einen Artikel über Nico Roßberg in einer Sportzeitschrift, wurde ich auf den kleinen (und feinen - fein sollte ich allerdings erst später realisieren) Hersteller Storck aufmerksam. Nun, irgendwie assoziierte ich damit eher Wehrters Original oder Riesen anstelle von Rädern, aber okay. Ich rief also in Idstein an, und ab da wendete sich das Blatt.

 

Ein leicht knurriger aber sehr seriös und kompetent wirkender Mitarbeiter am anderen Ende. Nachdem ich ihm mein Leid, meine Eckdaten, die Lebensgeschichte meines Hamsters (natürlich nicht letzteres ;-) und meinen Wunsch auf ein passendes Rennrad in epischer Breite erläutert hatte, herrschte kurz Stille. Kommen Sie bitte am Samstag vorbei, ich muss mir das anschauen.

 

Paff, das war also seine Antwort. Kein „Ja, es ist immer schwer mit großen Leuten...“ „Warum fahren Sie eigentlich Rennrad, Basketball wäre doch viel besser?“ „Würden Sie 90kg wiegen, wäre das deutlich einfacher...“ Bis Samstag, 10 Uhr, in Ordnung. Ciao. Ich war gespannt, was mich dort erwartete.

 

Frohen Mutes ins Auto, Geld dabei (Dankeschön, lieber Opa, der meinen Gesundheitstrip bereitwillig finanzierte, in der Abnehmphase durch mehrfache Generalüberholung meines Kleiderschranks und nun im Radsport. Ich hätte diesbezüglich Rapha bitten sollen, mir ein Team Opa Trikot herzustellen.) und 90km nach Idstein. Bei Storck in die Firmenzentrale vorbeizuschauen hat in etwa den Charakter, ein Biotechnologieunternehmen zu besuchen. Überall Glas, Beton, Stahl und Aluminum. Der Inhaber macht offenbar keine halben Sachen, und der Architekt hat hier ein Meisterstück abgeliefert.

 

„Sie müssen Herr Höfle sein?“ sagte die Stimme im Eingangsbereich. Mein Name ist Helmut, Benjamin. Sie sagten ja bereits sie sind groß, aber so.... Sie werden wohl der größte Kunde, den ich jemals ein Rad verkauft habe. Es sollte so werden.

 

Er klapperte nicht die obligatorische Liste mit mir ab (siehe oben), sondern sagte so Sachen wie: „Der Rahmen hat nicht genug Reserveren.“, „Sie sollten Shimano nehmen, da am weitesten verbreitet und robuster - die Nicht-Schrauber-Marke also :D“, „Carbonlenker, -vorbei und -sattelstütze ersetze ich Ihnen durch Alu, dafür bekommen Sie eine Gutschrift.“ Die Frage aller Fragen war mit der ersten 11-Fach Generation allerdings: „Elektrisch oder mechanisch schalten?“ Kaufen Sie lieber die hochwertigere mechanische Gruppe, du stehst ganz am Anfang und solltest das Schalten richtig lernen. Beim Rahmen gab es ein wenig Rumgezackere, denn Helmut wollte mir gerne den 66er Alurahmen mitgeben, währenddessen ich in das Scenero G2 hoffnungslos verliebt war. Da fährst du dann aber eine heftige Überhöhung, und brauchst eine andere Sattelstütze, die führt unser Zulieferer nicht. Besorg‘ dir diese bitte, dein Rahmen dankt es dir! „Yes Sir :-)“

 

Ich hatte endlich einen Ansprechpartner, der mir offen und ehrlich sagte, wie er die Dinge sieht. Natürlich, Storck ist preislich nicht Canyon, obwohl mittlerweile durch die Comp Modelle auch die die Angebotspalette deutlich in preisgünstigere Regionen (ich verwende bewusst nicht das Adjektiv preiswert, denn auch das Scenero ist bis heute jeden Cent wert) erweitert wurde. Aber habt ihr mal probiert den Carbon gegen Alu Deal mit Canyon zu regeln? So hatte ich nun an diesem Samstag ein Fahrrad gekauft, ein Scenero G2 mit DuraAce 9000 Gruppe, komplett auf meine Bedürfnisse abgestimmt, für nur einen Hauch mehr als die WestCoastCustoms Version des Cannondales aus Hamburg. Der aufmerksame Leser fragt sich nun, welche Laufradsätze es geworden sind. Helmut machte sich einige Mühe und bekam schließlich von Mavic das Feedback, die Cosmic Elite S sind das Haltbarste, dass sie im Angebot haben, der damalige Partner von Storck. Das sollte allerdings auch nur eine Krücke werden, klick hier.

 

10 Tage später holte ich das Rad in Idstein ab. Eine Stunde „wie lerne ich mit Klickies zu fahren ohne umzufallen wie ein Idiot“ inklusive. :D

 

Das Scenero fuhr ich bis 2018 mit wenigen Änderungen, denn die LRS wurden dann doch ausgetauscht und die Lenker Vorbei Einheit durch eine mit größeren Rohren ersetzt, da sich diese besser greifen lassen..

 

Mein Fazit zum Radkauf für große Menschen

  • passender und haltbarer Rahmen ist das A und O, Gewichtsfreigabe des Herstellers ist ein gutes Indiz...
  • Achtet auf die vier kritischen Segmente, bestehend aus Vorbau, Lenker, Sattelstütze und Laufräder
  • Vorteil kleiner Hersteller: Rad auf Maß
  • Vorteil Versender: Gute Refinanzierbarkeit zu tauschender Parts durch Wiederverkauf

 

P.S. Ich habe in der Rubrik Bikes das Material aufgelistet, mit dem ich fahre. Immer mit einer kurzen Beschreibung, warum ich diese Komponente kaufte. Wen es interessiert, Klick einfach mal rein.

P.P.S.: Aus aktuellem Anlass muss ich leider etwas Kritik an Storck üben, denn die Modellpalette ist nach wie vor sehr attraktiv, allerdings werden die Rahmen immer kleiner. Dieser Trend hat dazu geführt, dass ich der Marke nicht mehr treu bin. Meine Räder sind mittlerweile alle verkauft... Schade!